Lebensmittel mit Nebenwirkungen - nicht bei uns im Bio-Fachhandel
Meldung aus dem Bonner General-Anzeiger am
30.08.2008:
Die Angst vor den Nebenwirkungen
Ab Montag gelten bei Lebensmitteln neue Grenzwerte
für Pestizid-Rückstände
Von unserem Korrespondenten Detlef Drewes
BRÜSSEL. Äpfel, Trauben oder Gemüse werden ab Montag
sicher nicht anders schmecken. Aber die Nebenwirkungen könnten dem
Verbraucher zu schaffen machen. Denn am 1. September treten erstmals
europaweit geltende Grenzwerte für Pestizid-Rückstände
in Lebensmitteln in Kraft. Über die Konsequenzen wird heftig gestritten. „Akute
und chronische Gesundheitsschäden“ befürchten Umweltschutzorganisationen
wie Greenpeace Deutschland. „Mehr Sicherheit für den Verbraucher“ versprechen
Bauerbverband und Industrieverband Agrar.
Die Harmonisierung, die die EU-Kommission zusammen
mit ihrer Agentur für Lebensmittelsicherheit EFSA in Parma/Italien vorgenommen hat,
betrifft 170 000 Höchstwerte für 443 Pestizidwirkstoffe auf
380 Lebensmitteln. Die gesamte Liste der einzelnen Obst-, Gemüse-,
Fleisch- und Milchprodukte ist 400 Seiten lang und heftig umkämpft.
Kurz vor den Stichtag legten Greenpeace und die österreichische
Umweltorganisation Global 2000 eine Untersuchung der neuen Grenzwerte
vor. Demnach überschreiten 567 der künftig geltenden Höchstmengen
die Akute Referenzdosis für Kinder und Jugendliche und sind daher
als potentiell gesundheitsschädlich einzuschätzen – gemessen
an den Maßstäben, die das Bundesinstitut für Risikobewertung
in Deutschland erstellt hat. Zwar argumentieren die Befürworter
der neuen Regelung, dass solche Obergrenzen nur selten erreicht werden.
Dem widersprechen allerdings letzte Erhebungen, die nur wenige Tage alt
sind. Da fanden die Greenpeace-Forscher bei 199 von 2 176 Proben (neun
Prozent) Rückstände jenseits der erlaubten Mengen.
Beim Industrieverband Agrar wehr man ab: „Gesetzliche Rückstandshöchstgehalte
sind keine gesundheitsrelevanten Grenzwerte.“, heißt es da.
Dass die neuen Höchstmarken deutlich über den bisher zugelassenen
Belastungen liegen, sei leicht erklärbar; sagt Hauptgeschäftsführer
Volker Koch-Achelpöhler. Zitrusfrüchte werden in Deutschland
nicht angebaut. Also lag der gesetzliche Grenzwert exakt auf der Marke,
ab der man Rückstände nachweisen kann: 0,01 Milligramm pro
Kilo. In Spanien oder Italien könnte die Belastung „bei zwei
Milligramm pro Kilo liegen, rechnerisch also dem Zweihundertfachen. Künftig
gilt dieser Wert, sofern er als sicher eingestuft wurde, in allen Ländern
der Gemeinschaft.“ Auch wenn es sich aus deutscher Sicht um eine
drastische Anhebung handelt.
Landwirte, Erzeugergenossenschaften und die EU-Kommission
sehen in der neuen Regelung einen deutlichen Fortschritt – auch für den
Verbraucher. Schließlich habe es in der Vergangenheit immer wieder
Probleme gegeben, wenn die Bauern Lebensmittel entsprechend den Vorschriften
ihres Landes produzierten, diese aber in einem Nachbarland mit schärferen
Höchstgrenzen, als belastet zurückgewiesen wurden. Das soll
nun vorbei sein.
Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer sieht
sich allerdings massiven Forderungen der Umweltverbände ausgesetzt, möglichst rasch
neue Werte in Brüssel zu verhandeln. Schließlich reichen nach
Auffassung der Öko-Experten schon bei einem 16,5 Kilo schweren Kind
gerade mal fünf Trauben, die mit der künftig erlaubten Höchstmenge
des Wirkstoffes Procymidone belastet sind, um die Schwelle zum Gesundheitsrisiko
zu überschreiten. Außerdem habe die EU-Agentur für Lebensmittelsicherheit
ein geradezu fatales Versäumnis begangen: Im Gegensatz zu ihrem
Auftrag hatte sie die Kombinationswirkung mehrerer Pestizid-Rückstände
in einem Lebensmittel überhaupt nicht untersucht.
Hierzu der Kommentar von Detlef Drewes:
Auch eine Chance
Ob unsere Kinder wirklich schon von einer Handvoll
Trauben krank werden, sei dahingestellt. Die Studien sprechen jedenfalls
eine eindeutige Sprache.
Und zwar du Erhebungen aller Seiten. Denn ebenso eindrucksvoll wie die Öko-Experten
die Gefahr zu hoher Pestizid-Rückstände in den Nahrungsmitteln
aufzeigen, belegen Bauerverbände und Industrievertreter, wie arm
wir ohne Pflanzenschutz dran wären.
Die neuen Höchstwerte, die die EU ab Montag in allen 27 Ländern
einführt, haben jedoch auch eine vorbeugende Wirkung. Denn gleich
mehrfach ist Europa von der Welthandelsorganisation WTO in den letzten
Jahren dazu verdonnert worden, den Markt für Produkte aus Afrika,
Asien, USA und vor allem Südamerika zu öffnen. Dort ist man
aber keineswegs so empfindsam, wenn es um den Umgang mit Pflanzenschutzmitteln
geht. Die künftigen Höchstgrenzen schützen den Verbraucher
nunmehr vor Ware, die unbedacht besprüht oder geimpft wurde. Wenn
man sich jetzt noch auf einen verantwortungsvollen Einsatz der Mittel
auf den Feldern – diese Richtlinie ist in Vorbereitung – einigen
würde, hätte das Signal-Charakter, weit über die EU hinaus.
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